"Den Frieden suchen" - Katholische Studentenverbände appellieren für offenen Dialog auf dem Katholikentag in Münster

07. Mai 2018

Katholische Studentenverbände appellieren für offenen Dialog auf dem Katholikentag in Münster.

„Suche Frieden“ lautet das Leitwort des 101. Deutschen Katholikentages, der im Mai 2018 in Münster stattfinden wird. 

Friedenspolitik hieß für die deutsche Politik in der Nachkriegszeit vor allem die Beruhigung internationaler Spannungslagen. Die vor über 100 Jahren als Hort des Militarismus verschriene deutsche Nation wurde international zum Makler von Frieden und Humanismus. Mit dem Mauerfall von 1989 gelang eine bis dato für unmöglich gehaltene friedliche Wiedervereinigung. Auch in der Flüchtlings- und Migrationskrise ab 2015 spendete Deutschland vielen Menschen Frieden. Deutsche Politiker, aber auch Verantwortliche in Wirtschaft und Gesellschaft gefielen sich in der Rolle des liebenswerten Anwalts der Schwachen und Verfolgten. 

Mit dem zunehmenden Kontrollverlust und einer steigenden Belastung der staatlichen und kommunalen Verwaltung, mit dem Abflauen der Willkommenskultur und der Erkenntnis, dass eine derart starke Zuwanderung in kurzer Zeit nicht ohne Reibungen und längerfristige Herausforderungen stattfinden kann, wächst ein zunehmend stärker spürbarer gesellschaftlicher Unfrieden in unserem Land. Und dieser Unfrieden breitet sich seismographisch in fast alle Bereiche des Staates aus und lässt dabei auch den Kitt in älteren Konfliktsituationen bröckeln.

Zum einen ist wieder vermehrt ein Spannungsverhältnis zwischen Ost und West zu vernehmen, welches den Geburtenjahrgängen nach 1989 beinah unbekannt war. Eigentlich sollte fast 30 Jahre nach dem Mauerfall diese Differenzierung überwunden sein. Dennoch beherrschen wechselseitige Ressentiments die Köpfe der Deutschen, was insbesondere in der Debatte um die Migrationskrise deutlich hervortrat. 

Die Erschütterungen, die die jüngeren Geschehnisse in der Europäischen Union bewirkt haben, seien hier einmal ausgeblendet. Denn auch die Bundespolitik selber ist von einer deutlichen Disharmonie geprägt. Mit der AfD ist nach der Bundestagswahl 2017 eine siebte Partei auf das Bundestagsparkett getreten. Bald hat sich abgezeichnet, dass auch das stabile politische System Deutschlands, für das uns viele andere Nationen auf der Welt einst beneideten, ins Wanken geraten kann. Ausdruck dafür sind auch die 169 Tage, die vom Wahlsonntag bis Unterzeichnung eines Koalitionsvertrags vergangen sind – seit dem Bestehen der Bundesrepublik hat eine Regierungsbildung noch nie länger gedauert. Selbst innerparteilich scheint bei den meisten Parteien ein Zerrüttungsprozess einzusetzen, bei dem sich die jeweiligen Flügel gegenseitig radikalisieren und die Partei nach und nach aufreiben.

Dabei gibt es auf den ersten Blick doch gewichtige Anhaltspunkte, die der Beruhigung dienen können. Die europaweit einzigartig robuste Volkswirtschaft, die konstant niedrige Arbeitslosenquote, sprudelnde Steuereinnahmen und steigende Renten sollten Anlass zur Gelassenheit geben. Auch scheint durch die Zuwanderung ebenso wie durch andere gesellschaftliche Faktoren eine Trendwende in der demographischen Entwicklung einzusetzen. Die Migrationskrise scheint bei Betrachtung der rückläufigen Zahlen ebenfalls beendet worden zu sein oder zumindest abzuebben.

Da stellt sich also die Frage: Was sind die Sorgen der Deutschen die diesen Unfrieden begründen? Was können wir tun um dem Einzelnen die oftmals abwertend als „diffuse Ängste“ bezeichneten Sorgen zu nehmen? Wie kommen wir zurück zur Harmonie?

In den Augen der Arbeitsgemeinschaft der katholischen Studentenverbände muss, wer gesellschaftlichen Frieden nicht nur suchen, sondern auch erreichen will, bei seiner Suche keine Scheuklappen tragen und frei von Angst vor Stigmatisierung jeglicher Art in die Gesellschaft hineinhorchen. Wer horcht, wird viele verschiedene Sorgen, Nöte und Herausforderungen wahrnehmen, denen sich unsere Gesellschaft gegenübersieht. Neben den Belastungen durch die Energiewende, den Problemen und Erwartungen an die Digitalisierung, ist das wohl spürbarste Thema in gesellschaftlichen Debatten die Entwicklung der Migration im 21. Jahrhundert. Dabei handelt es sich offensichtlich um ein hoch komplexes, kaum einzugrenzendes Thema. Zu welchen Spätfolgen wird das Geschehen von 2015 führen? Kann sich die Flüchtlingskrise in ähnlicher Gestalt in Zukunft wiederholen? Wie handlungs- und entscheidungsfähig ist unsere Regierung in diesen Fällen – lassen wir ohnmächtig die kommenden Entwicklungen einfach passieren? Wie wird sich die Migration auf die eigenen persönlichen Verhältnisse, das eigene Leben auswirken? Wie wird das Land aussehen, das wir unseren Kindern und Kindeskindern eines Tages vererben werden? Aber auch originär christliche Fragen scheinen die Leute zu umtreiben. Welche Verantwortung kommt uns als Christen in so einer Ausnahmesituation zu? Welche Auswirkung hat die zunehmend multireligiöser geprägte Gesellschaft für den katholischen Glaubensalltag?

Eine umfassende Antwort wird und kann die katholische Kirche auf diese Fragen nicht liefern. Dies ist nach unserer Auffassung jedoch auch nicht erforderlich. Aber keinesfalls darf die Kirche bei den genannten Themen gänzlich untätig bleiben und eine falsche Distanz aufbauen. Zu schnell ließe sich das Bild des katholischen Elfenbeinturms bemühen, in dem man die oben angedeuteten Sorgen der einzelnen Glaubensmitglieder nicht wahrnimmt oder schlicht ignoriert. 

Wir können unseren Beitrag gegen gesellschaftliches Auseinanderdriften nur in der Gestalt leisten, dass wir mit dem kompletten Spektrum aller demokratisch legitimierten Meinungen in einen offenen Dialog treten. Dieser Dialog muss sogleich jeden Einzelnen dazu animieren, die eigene Position nochmal zu reflektieren und in den Kontext zur christlichen Grundüberzeugung zu stellen. Ein solch offener Dialog muss das Fundament bilden, aus dem weitere positive Impulse und Antrieb erwachsen können.

Und für dieses Vorhaben ist auch der Katholikentag in Münster eine geeignete Plattform. Gemessen an den bereits Mitte März verkauften Karten wird er deutlich größer sein, als seine Vorgänger in Leipzig, Regensburg und Mannheim. Gerade diese Reichweite eignet sich, um wirksam eine Botschaft an alle Katholiken in Deutschland zu senden. Und wenn wir vermitteln, dass wir die Sorgen des Einzelnen ernst nehmen, wenn wir versuchen alle in die Kommunikation mit einzubeziehen, wenn wir einen Dialog mit offenem Visier führen, dann kann der Katholikentag auch über die vier Tage im Mai hinaus Resonanz erzeugen und eine Hilfe sein, Frieden zu finden. 

Bonn, den 7. Mai 2018.

 

Über die AGV

Die Arbeitsgemeinschaft katholischer Studentenverbände (AGV) ist der größte Zusammenschluss katholischer Studentinnen und Studenten in Deutschland. Sie setzt sich derzeit aus den fünf katholischen Studentenverbänden CV, KV, UV, RKDB und TCV zusammen. Ihre Kernaufgabe ist es, die Belange katholischer Studentinnen und Studenten zu diskutieren und zu bündeln, um sie anschließend öffentlich – in der Politik, in der Kirche und an den Hochschulen – artikulieren zu können. Dazu ist die AGV in verschiedenen Gremien vertreten, ist ein eingetragener Interessenverband beim Deutschen Bundestag und führt im Rahmen der AGV-Dialogprogramme regelmäßig Gespräche mit Spitzenvertretern aus Politik, Kirche, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien.

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